LESEPROBE

College of Arts: Play with me


Flinke Finger ... oder?

 

Ash

 

 

Mit vor der Brust verschränkten Armen starre ich das imposante Gebäude auf der anderen Straßenseite an. In großen Lettern prangt mir das: ›College of Arts‹ entgegen. Es ist, als würde es mich verspotten, mir sagen ›du wirst hier niemals hingehören‹. Womöglich ist das auch wirklich so. Wenn ich einen Blick in meine Geldbörse werfe – dann definitiv. Darin herrscht, wie immer, gähnende Leere.
Seufzend wende ich den Blick von der vierstöckigen, ziegelsteinfarbenen Fassade meines Traumes ab und halte stattdessen Ausschau nach einem geeigneten Opfer. Es ist nicht so, als würde mir das hier Spaß machen, denn das tut es keinesfalls. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen, oder? Deshalb stoße ich mich jetzt von der Wand ab, an der ich gelehnt habe und gehe langsamen Schrittes in die Michigan Ave hinein. Wie auch an jedem anderen Tag des Jahres, befinde ich mich in diesem Viertel von Chicago, weil ich auf der Suche nach Beute bin. Ok, das ist halb eine Lüge, halb die Wahrheit, denn zum Teil komme ich hierher, um mir selbst immer wieder vor Augen zu führen, wieso ich all das in Kauf nehme. Das College of Arts ist alles, was ich mir je gewünscht habe, und dennoch ist es aktuell unerreichbar für einen armen Schlucker wie mich. Das wäre dann der andere Grund, wieso ich hier herumlungere. Chicago lässt sich in reichere und ärmere Viertel einteilen. Dieses hier ist das der reichen Leute. Deshalb lauere ich hier und beobachte Menschen. Bevorzugt Frauen, die so aussehen, als würde es ihnen nicht auffallen, wenn ein kleines Schmuckstück fehlt. Genau solch ein Mädchen läuft gerade in mein Sichtfeld, ehe sie stehenbleibt. Ein Grinsen breitet sich in meinem Gesicht aus. Bingo!
Wie von selbst setzen sich meine Beine in Bewegung und ich steuere die Braut mit dem Coffee to Go Becher in der Hand an. »Francy!«, rufe ich aus, öffne meine Arme weit und lege sie um den Körper der jungen Frau. »Ist das lang her! Wie gehts dir denn? Man, du siehst ja großartig aus!« Während ich das sage, versteift sich das Mädchen in meinen Armen – natürlich, schließlich bin ich ihr völlig fremd.
»Hast du sie noch alle? Wer bist du, verdammt? Lass mich sofort los!«, schimpft sie prompt und ihre Hände drücken gegen meinen Brustkorb, um mich wie ein Insekt von sich zu entfernen. Dabei lasse ich meine Hände kurz über ihren Nacken gleiten, der durch ihren hohen Dutt unglaublich gut zugänglich ist, und streife ihr die Goldkette vom Hals, die sie eben noch getragen hat. Schnell lasse ich sie in meiner Jackentasche verschwinden und vergrabe meine Hand darin. Erst dann sehe ich ihr ins Gesicht.
»Fuck, sorry. Ich hab‘ dich total verwechselt.« Mit der einen Hand, mit der ich gerade nicht die gestohlene Kette umklammere, reibe ich mir über den Hinterkopf. »Das ist mir ja noch nie passiert!«
Skeptisch zieht die junge – und wie ich jetzt feststelle, sehr hübsche Frau eine Augenbraue hoch. Dabei mustert sie mich von oben bis unten und mir wird klar, dass sie mich für einen Straßenköter hält. »Ja, mir tut es auch leid. Deinetwegen habe ich meinen Kaffee fallenlassen.«
Zuerst kapiere ich nicht, was sie da sagt, dann senkt sich mein Blick und fällt auf den Becher, den sie vorhin noch in Händen hielt. »Ja, äh. Sorry.«
»Das sagtest du schon.« Sie blinzelt. »Davon bekomme ich jetzt aber auch keinen Neuen, oder?«
Verwirrt sehe ich mich um. Was will sie denn jetzt von mir? »Vermutlich nicht, nein.«
Theatralisch verdreht sie die Augen. Was zum Teufel? »Was mache ich hier eigentlich?« Abrupt dreht sie sich um und geht los, um sich schnellen Schrittes von mir zu entfernen.
Mit offenem Mund starre ich ihr hinterher und stelle mit Erschrecken fest, dass sie im nächsten Moment das CoA betritt. War ja klar, dass eine Person wie sie dort studiert. Sie kann es sich bestimmt leisten.
Langsam ziehe ich die Hand mit der Kette in der Faust aus meiner Jackentasche und betrachte das Schmuckstück. Das ist bestimmt einige Tausender wert, da bin ich mir sicher. Sie wird es zweifelsohne nicht vermissen und mir wird es definitiv weiterhelfen.
Endlich wende auch ich mich ab und gehe in die entgegengesetzte Richtung davon, die Michigan Ave hinunter. Das College befindet sich in der Nähe des Grant Park, einer riesigen Parkfläche entlang des Monroe Harbor. Diesen Weg folgend geht es in das Viertel, in dem ich wohne und welches von Menschen, wie dem Mädchen vorhin gemieden wird: die South Side. Selbst für jemanden wie mich, der dort aufgewachsen ist, ist es gefährlich. Ein schnöseliges Mädchen würde sich niemals dorthin verirren. Deshalb bin ich mir auch sicher, dass sie mir nicht mal folgen würde, wenn sie bemerken würde, dass ich ihre Kette gestohlen habe. Mal abgesehen davon, dass dieser Art von Menschen das nie auffallen würde. Es ist schließlich nur ein Schmuckstück. Wenn das verschwunden ist, wird eben ein Neues gekauft. Wieso auch nicht? Genug Kohle hat Daddy bestimmt.
Schnaubend fahre ich mir durch die dunklen, auf dem Haupt schon wieder etwas zu langen Haare. Das ist der Neid, der sich da in meine Gedanken geschlichen hat. Anders als diese superreichen, verwöhnten Tussen, die ich täglich abziehe, fehlt es bei uns an allen Ecken und Kanten. Deshalb ist es auch so unglaublich schwer, das Geld für das College of Arts zusammenzukratzen. Ein Großteil des Geldes, das ich für das geklaute Zeug bekomme, fließt in meine Familie. Meine Mutter ist nicht nur alleinerziehend, sie hat auch völlig den Bezug zur Realität verloren. Vermutlich liegt das daran, dass sie sich die Gehirnzellen täglich mit allem möglichen Stoff weg ballert. Als ihr ältester Sohn liegt es deshalb an mir, nicht nur dafür zu sorgen, dass wir nicht verhungern, sondern auch, dass meine vier Geschwister, die allesamt jünger sind als ich, das haben, was sie zum Leben brauchen. Ein marodes Dach über dem Kopf und etwas für den Magen genügt da natürlich nicht. Immer wieder brauchen sie etwas für die Schule, Kleidung, Schuhe und vieles mehr.
Am South Loop angekommen, biege ich ab und gehe am dort seit einem Jahr bestehenden Starbucks vorbei. Anschließend lande ich in der Wabash Ave, wo sich der Juwelier meines Vertrauens niedergelassen hat. Immer, wenn ich Schmuckstücke erbeutet habe, bringe ich sie hierher und Dave – der Besitzer dieses Ladens, sieht zu, dass er sie loswird. Dafür bekomme ich vorerst eine Anzahlung von ihm und wenn das Teil verkauft wurde, die restliche Kohle abzüglich der Spesen seiner Arbeit.
»Liebling, ich bin wieder daaa«, rufe ich in den Laden hinein und lasse die Tür weit aufschwingen. Hinter dem Tresen steht, wie nicht anders zu erwarten, der etwas ältere, untersetzte Mann und grinst, sobald er mich erblickt.
»Ash, mein Freund. Was hast du mir Schönes mitgebracht?« Mit der Hand winkt er mich zu sich. Klar, er mag mich. Ich bringe ja auch immer wirklich gutes Zeug mit, von dem er auch profitiert.
Gemächlichen Schrittes nähere ich mich, die Kette in meiner Faust in der Jackentasche umklammert, dem Tresen und ziehe sie heraus. »Was meinst du?«, frage ich dann, beuge mich ein Stück in seine Richtung.
Mit großen Augen betrachtet er das Schmuckstück und nickt mehrmals. »Da hast du aber heute wirklich etwas Wunderbares gefunden, Junge.«
Gefunden. Vermutlich würde ich jetzt lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Dave weiß natürlich, dass ich das Zeug, das ich ihm bringe, nicht finde, sondern stehle. »Ja, das dachte ich auch. Was meinst du, wie viel ist es wert?«
Kurz überlegt er und zieht die Nase geräuschvoll hoch. Dave leidet unter sämtlichen Allergien, die man sich vorstellen kann. Deshalb läuft seine Nase das ganze Jahr über. »Ein paar Tausender ...« Rasch hebt er den Blick. »Darf ich?«
Nickend lasse ich die Kette in seine Hand fallen, wo er sie von allen Seiten eingehend betrachtet. »Und?«, drängele ich, nachdem er noch immer zu überlegen scheint.
»Ich kann dir fünfhundert jetzt geben. Den Rest, wenn die Sache erledigt ist. Allerdings gehe ich davon aus, dass die schnell einen neuen Besitzer finden wird.«
»Wie viel, Dave?«, hake ich nach. Das ist viel wichtiger als die Summe, die ich jetzt bekomme, auch wenn ich die Kohle echt gut gebrauchen kann.
»Siebentausend, würde ich sagen. Da sind kleine Diamanten eingearbeitet.«
Meine Augenbrauen heben sich überrascht. »Siebentausend?«
»Vielleicht auch mehr. Aber ich möchte nicht vorschnell eine Summe nennen, die es dann nicht wird. Mit siebentausend sind wir auf der sicheren Seite.«
Nervös lecke ich mir die trockengewordenen Lippen. »Das wären zweitausend für dich, fünftausend für mich. Dave, damit kann ich ...«
»Deine Familie lange ernähren, ich weiß.« Er nickt, obwohl er keine Ahnung hat, was ich eigentlich sagen wollte. Klarerweise werde ich einen Teil für meine Familie ausgeben, aber einiges davon könnte ich in die kleine Box stecken, die sich unter den Dielen des Fußbodens in meinem Zimmer befindet. Die Spardose für die Einschreibgebühr für das College of Arts. Mit dem Geld für die Kette käme ich meinem Ziel ein gutes Stück näher.
»Genau«, würge ich dennoch hervor.
Dave öffnet die Lade, in der sich sein Bargeld befindet und zählt, bis er fünfhundert Dollar in Händen hält. »Deine Anzahlung. Der Rest, we-...«
»Wenn sie verkauft ist, ich weiß«, unterbreche ich ihn und schnappe mir das Geld. »Rufst du an, wenn du jemanden hast?«
»Wie immer, Junge, wie immer. Gut gemacht.«
Schmunzelnd klopfe ich ihm über den Tresen hinweg auf den Oberarm, stecke das Geld in meine Hosentasche und nicke ihm zum Abschied zu, ehe ich den Laden verlasse. Fünfhundert Dollar sind vorerst genau das, was ich brauche, um meine Familie für eine Woche über die Runden zu bringen.
Rasch laufe ich wieder zur Michigan Ave zurück, um den Bus zu erwischen, der mich in die 38th Street bringen wird. Dort werde ich in den Supermarkt gehen und Lebensmittel kaufen, bevor ich zu Hause aufschlage und mich dem stelle, was ich vorfinden werde. Vermutlich eine betrunkene, zugekokste Mutter – falls sie zu Hause anzutreffen ist und zwei Kinder unter zehn Jahren, die sich ständig streiten. Außerdem zwei pubertäre Jugendliche, die davon genervt sind, dass sie sich nach der Schule den ganzen Nachmittag um die Kleinen kümmern mussten. Kein Wunder, dass es mich mehr reizt, auf der Straße Zeug zu klauen, als nach Hause zurückzukehren.



 

Wo zum Teufel ist ... 

 
Lexi
 
 
Was suchst du?«, will Melody wissen, die mich mit fragendem Blick ansieht, während ich überall nach der Kette suche, die mir meine Großmutter geschenkt hat, bevor sie gestorben ist. Noch nie habe ich sie abgenommen, deshalb weiß ich jetzt auch nicht, wo ich sie verlegt haben könnte.
»Die Kette«, lasse ich sie wissen und krame in meiner Handtasche, obwohl mir klar ist, dass ich sie dort nicht finden werde.
»Die deiner Grandma? Aber die nimmst du doch nie ab.«
Fahrig streiche ich die Haare zurück, die mir ins Gesicht gefallen sind. »Ja eben. Ich kann sie nicht finden.« Melody und ich sind seit vielen Jahren befreundet und besuchen jetzt zusammen das College of Arts. Sie allerdings hat sich auf Gesang spezialisiert. Mein Traum ist es, Schauspielerin zu werden. 
»Hast du schon im Schauspielsaal nachgesehen?«, schlägt Shaw vor und erscheint direkt neben mir, um seinen Arm um meine Schultern zu legen. Sofort hüllt mich das Parfüm meines besten Freundes ein und ich beruhige mich etwas. 
»Ja, aber da war sie auch nicht. Ich habe schon herumgefragt. Niemand hat sie gesehen.« 
»Hm«, macht Shaw und drückt mich kurz, bevor er mich loslässt. »Vielleicht hast du sie nach dem Duschen zu Hause nicht wieder angelegt?« 
Nachdenklich kaue ich an meiner Lippe und rufe mich selbst rasch zur Vernunft. Meine Schauspielprofessorin hat mir schon tausendmal gesagt, dass ich dieses Kauen an der Unterlippe endlich lassen soll, weil es meinem Aussehen nicht guttut. Aber es ist eben ein nervöser Tick von mir, der sich nur schwer ablegen lässt. »Nein, ich habe sie heute nicht abgenommen«, sinniere ich und überlege angestrengt. Meine Hand fährt zu meinem Hals und plötzlich habe ich das Bild des Kerls von vorhin vor Augen. Wie er mir plötzlich um den Hals gefallen ist und mich seine Wärme eingehüllt hat. Er war etwas außer Atem, seine Brust hat sich schnell gehoben und gesenkt, als er sich an mich gedrückt hat. Kurz flammt eine Erinnerung in mir auf und ich spüre seine Finger an meinem Nacken, ehe er mich losgelassen hat. »Dieser ... dieses ... Arschloch!«, entfährt es mir und meine Freunde sehen mich schockiert an. »Er war es!« 
Blinzelnd sieht Melody zu Shaw und zu mir zurück. »Wer ›er‹?« 
»Na, der Kerl von vorhin! Du weißt schon, der, der mich plötzlich umarmt hat, weil er dachte, ich sei irgendeine Bekannte, die er schon lange nicht mehr gesehen hat! Er war es! Der Kerl hat meine Halskette geklaut!« 
Shaw sieht mich schockiert an. »Du hast dich von einem fremden Penner umarmen lassen?« 
»Was? Nein, natürlich nicht!« 
»Aber das hast du doch gerade gesagt?« 
Seufzend schüttele ich den Kopf. »Also erstmal, war das kein Penner. Er muss in unserem Alter gewesen sein und trug ganz normale Klamotten. Klar, nicht das neueste Zeug, aber eben auch nicht besonders heruntergekommen. Außerdem hat er nicht nach Straße gerochen.« 
Ein Glucksen ist zu hören und ich drehe mich zu Melody. »Du hast an ihm geschnuppert?« 
»Nein!«, wehre ich mich rasch. »Aber wenn dich plötzlich jemand umarmt, der viel größer ist als du, dann landet deine Nase automatisch in seinem Shirt, ok?« 
»Ach«, meint Melody und wackelt mit den Augenbrauen. 
»Man, Melo, er hat mich beklaut!« 
»Wir sollten zur Polizei gehen und das melden, Lex«, wirft Shaw ein. »Der kann doch nicht vor dem College rumlaufen, junge Frauen mit einer Umarmung überfallen und beklauen.« 
»Ich finde, er hat recht, Lexi«, pflichtet ihm Melody bei. »Wer weiß, wie oft er das macht.« 
Kurz senke ich den Blick, starre auf meine Tasche, die ich vor meine Füße geworfen habe, und stoße meinen Spind zu, der noch immer offenstand. Eben hatten Melody und ich Tanztraining, nachdem wir unsere anderen Kurse unabhängig voneinander hinter uns gebracht haben. Auch wenn weder sie noch ich Tänzerinnen sind, müssen wir einige Abläufe beherrschen, für den Fall, dass sie gebraucht werden. Shaw als richtiger Tänzer nimmt daran nicht teil, weil er sich vermutlich zu Tode langweilen würde. Er ist viel weiter. »Ja, vielleicht ...« 
»Vielleicht?«, hakt Melody nach. »Wieso vielleicht? Er hat dich bestohlen!« 
Rasch schultere ich meine Handtasche und fasse einen Entschluss. »Ja, das schon. Aber ich will den Grund dafür erfahren.« 
Shaw sieht mich zweifelnd an. »Warum?« 
»Na, niemand stiehlt ohne Grund, oder?« 
»Das nicht, nein. Aber wer sagt denn, dass er dir nochmal über den Weg laufen wird? Vielleicht klaut er jeden Tag in einem anderen Viertel Chicagos.« 
Damit hat er natürlich nicht unrecht. »Möglich, aber selbst, wenn wir es der Polizei melden, werde ich meine Kette nicht zurückbekommen. Kerle wie der, werden bestimmt nicht auspacken, wenn sie vor den Bullen sitzen, oder?« 
»Nehmen wir mal an, dass er nochmal hier auftaucht und nach neuer Beute Ausschau hält. Was willst du denn machen? Ihm Auflauern?« Melody hebt ebenfalls ihre Tasche auf. 
»Ja, wieso nicht?« Fragend sehe ich meine beiden Freunde an. 
»Wieso nicht?«, echot Shaw. »Vielleicht, weil er sonst was mit dir anstellen könnte? Was, wenn er ein Messer hat und bereit ist, es einzusetzen, wenn du ihn als Dieb entlarvst?« 
Schnaubend verdrehe ich die Augen. »Du übertreibst mal wieder total.« 
»Ich übertreibe?« 
»Er hat aber recht«, hält Melo zu Shaw. »Wer weiß, wo der herkommt. Womöglich aus der South Side!« 
Ein Schauer läuft mir über den Rücken. »Selbst wenn, er wird keine Frau mitten auf der Straße erstechen. So hat er überhaupt nicht gewirkt.« Glaube ich. 
»Wie hat er denn dann gewirkt?«, möchte Shaw wissen. »Wie wirken denn potenzielle Mörder generell?« 
»Jetzt lass aber mal die Kirche im Dorf, Shaw«, blaffe ich ihn an und schiebe mich an ihm vorbei zum Ausgang der Umkleiden. »Er hat mich umarmt und mir meine Halskette geklaut. Ich werde mich einfach nach ihm umsehen und wenn ich ihn sehe, stelle ich ihn zur Rede.« 
Kurz ist es hinter mir still und ich bleibe am Türstock stehen, um auf die Erwiderung Shaws zu warten. »Schön, aber dann fährst du in nächster Zeit mit mir hierher und nach Hause. Ich kann unmöglich zulassen, dass du diesem Verbrecher allein gegenüberstehst.« 
Mit einem Lächeln drehe ich mich zu meinem besten Freund um, laufe auf ihn zu und schlinge die Arme um ihn. »Das würdest du wirklich tun?« 
Sanft streicht er mir durch das Haar und dann den Rücken entlang, sodass ich die Augen schließe. »Klar, für dich doch immer.« 
»Danke«, seufze ich und lasse ihn los. Shaw und ich kennen uns seit ... immer. Da ist kein großartiges Verlangen zwischen uns, aber das bedeutet nicht, dass wir die Nähe des anderen nicht genießen, wenn wir gerade solo sind. Bei so mancher Party sind wir miteinander im Bett gelandet, aber das hat unserer Freundschaft nicht geschadet. Im Gegenteil. Irgendwie war das die logische Folge davon, dass wir auch sonst beinahe unsere gesamte Freizeit miteinander verbringen. Für eine Beziehung reicht es uns beiden aber nicht. Weder bin ich das, was Shaw sich von einer Partnerschaft wünscht, noch ist er das, was ich möchte. Das haben wir auch immer klar kommuniziert. Mein bester Freund und ich, reden über alles. Wirklich alles, auch unsere Gefühle füreinander, die eben nicht darüber hinausgehen, was wir haben. 
»Dann komme ich aber auch mit«, bestimmt Melody. »Du hast mich irgendwie neugierig auf den Kerl mit den flinken Fingern gemacht.« 
»Mit den ...«, wiederhole ich und schüttele den Kopf. »Du spinnst doch.« 
Grinsend zuckt Melody mit den Schultern. »Deshalb sind wir beste Freundinnen. Du nämlich auch!« 
Mit einem Lachen lege ich den Arm um sie und greife mit der anderen Hand nach Shaws, um sie beide aus der Umkleide zu ziehen. »Ihr seid die Besten.« 
»Wissen wir doch«, meint Shaw und ich höre das Lächeln in seiner Stimme, obwohl ich ihn nicht ansehe. 
»Was ist eigentlich mit deinen Eltern, sind die unterwegs?«, fragt Melody im nächsten Moment an Shaw gewandt und sieht an mir vorbei zu ihm. 
»Ja, die sind ausgeflogen. Die Fete kann also steigen.« 
»Yay«, ruft Melo daraufhin aus und drückt mich. »Partytime bei Shaw!« 
»Bist du dir sicher?«, frage ich ihn und drehe den Kopf. »Nicht, dass es wieder eskaliert.« Vor einigen Wochen hat Shaw eine Party veranstaltet und es ist, wie leider so oft, ausgeartet. Nicht nur, dass viel zu viel getrunken wurde, einige der Partygäste haben zudem Koks und anderes Zeug mitgebracht. Innerhalb weniger Stunden waren einige derart weggetreten, dass sie mit dem Krankenwagen abgeholt werden mussten. 
Shaw legt erneut den Arm um meine Schultern. »Dieses Mal bleibt es eine kleine Runde, versprochen.« 
Mit zusammengekniffenen Augen betrachte ich sein Seitenprofil. »Wie klein?« 
»Na, wir und unsere Crew, okay?« Sanft drückt er mir einen Kuss auf die Stirn. »Mach dir keine Gedanken.« 
Natürlich mache ich sie mir trotzdem. Shaw ist nicht nur der süßeste, liebste Kerl auf Gottes Erdboden, er ist auch der, der dazu neigt, nicht ›nein‹ zu sagen. Deshalb habe ich ihm vor einigen Wochen den Finger in den Hals gesteckt, um ihn dazu zu bringen, die verdammten Pillen auszuspucken, die er geschluckt hat. Zwar hatte ich damit Erfolg, aber wiederholen möchte ich das dennoch nicht. Noch weniger will ich je wieder die Panik fühlen, die ich empfunden habe, nachdem ich ihn reglos gefunden habe. 
Drohend hebe ich den Zeigefinger. »Keine illegalen Substanzen!« 
»Abgesehen von Alkohol«, wirft Melody ein, weil wir alle unter einundzwanzig sind und demnach keine alkoholischen Getränke konsumieren dürften. 
Sofort brummt Shaw zustimmend. 
»Ja, aber auch das nicht bis zum Umfallen«, bestimme ich und sehe abermals zu Shaw. »Ok?« 
Seufzend nickt er. »Klar.« 
»Na gut«, ergebe ich mich schließlich meinem Schicksal. Shaw und Melody sind auch immer für mich da, deshalb werde ich sie nicht hängenlassen, wenn es um die Partys geht, die sie so lieben. 
»Yeah«, feiert Shaw nun, nimmt meine Hand wieder, zieht mich von Melody fort und dreht mich in seinen Armen, sodass wir durch den Gang tanzen und lachen.